Jesus zu Besuch

Unten klingelte die Haustür. Wir hatten ihn, eigentlich unwissend, eingeladen. Die Tatsache, dass er kommt -und so schnell-, brachte uns aber zum Schlucken. Wir hatten nichts vorbereitet. Schweigend ließen wir ihn nach oben: ein freundliches komm rein! war uns nicht möglich.  Wir waren wohl im ganzen lahmgelegt. Nicht, dass wir was bestimmtes auf dem Gewissen hätten. Nein, es war pure Angst vor dem unheimlichen – wir haben nie richtig geglaubt, dass es Jesus eigentlich in dieser Form gäbe, trotz Bekenntnis. So sind wir auch nicht zur Begrüßung an unserer Wohnungstür geblieben: wir haben sie bloß kurz aufgemacht und zogen uns dann schnell Richtung Wohnzimmer zurück. Die Wohzimmertür öffnete auch zum Flur, wo wir dann standen, ein nervöses Auge auf die Wohnungstür am Ende des Flures gerichtet. Einander haben wir nicht angeschaut, und auch nichts gesagt. Auf den Treppen wurden seine soliden Fußstapfen lauter, und bald war auch sein rauer Atem zu hören. Er war auf unserer Etage.

Ohne uns zu grüßen, zog er schnell die Schuhe aus und warf seine Jacke auf den Mantelständer. Er lief dann einfach an uns vorbei – er hatte mich im Vorbeigehen sogar leicht geschubst – schmiß sich auf einen Stuhl am Tisch, und legte die Füße auf denselben. Dann, als sei es alles eine einzige Bewegung, zog er eine Schachtel Zigaretten hervor, nahm eine, steckte sie an, knallte die Schachtel auf den Tisch, zog tief ein und aus: “Mein Gott, könnt ihr nicht mal ein bisschen chillaxen? Ihr seid furchtbar verklemmt, Leute.” Dann war er wieder weg.

 

 

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